Prof. Hüther „Über die Freude am eigenen Denken und die Lust am gemeinsamen Gestalten“

Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=WROvwFepqos
Jeder Mensch ist ein „Unternehmer“.
In der Hirnforschung ist in den letzten 10-20 Jahren so viel passiert, dass es eigentlich die Welt revolutioniert. Es stellt alles auf den Kopf, was wir bisher für richtig gehalten haben. Und es ist eine einzige Unterstützung für, dass Menschen selbstverantwortliche Wesen sind. Die natürlich „Unternehmer“ sind. Jeder Mensch ist ein „Unternehmer“. Problem ist nur, dass die meisten die Lust daran verloren haben. Aber ganz am Anfang, als … Sie noch Kinder waren … da wollten Sie die Welt entdecken. … Und das hat irrsinnig viel Spaß gemacht. …Und dann hat man Sie in die Schule gesteckt.
Jeder Mensch ist anders. Und jeder Mensch ist am Anfang seines Lebens erstmal richtig.
Wir kommen aus einer Welt in der wir mit deterministischen Vorstellung uns gegenseitig daran gehindert haben, uns weiter zu entwickeln. Deterministische Vorstellungen hießen mal vor ein paar hundert Jahren „der liebe Gott hat alles so gemacht, wie es ist und deshalb müssen wir uns dran halten“. Und als sich das als untauglich dargestellt hat, hat man gesagt „die genetischen Programme habe uns so gemacht, wie wir sind und deshalb müssen wir jetzt damit zufrieden geben“.
„Damit nachhaltig etwas in Hirn hängen bleiben kann, muss es unter die Haut gehen.“ Man müsste sich noch mal für etwas so richtig begeistern. Es müssten im Hirn die emotionalen Zentren angehen. Um z.B. etwas zu gründen oder zu entdecken oder was zu gestalten. Das was uns Freude macht, bleibt gut im Hirn hängen bleibt.
Es geht prinzipiell, dass man sich nochmal weiter entwickelt und die Lust am eigenen Denken und am gemeinsamen Gestalten wieder findet.
Jeder von uns ist eigentlich nur eine „Kümmerversion“ dessen, was aus ihm hätte werden können. Das ist sehr ermutigend, denn das heißt „Da geht noch was“. Der Trick im Hirn heißt „Vernetzung“. Sie können das ganze Leben lang Vernetzungen aufbauen. Dadurch wird das Hirn nicht größer, es wird alles nur intensiver. Und das ist auch eine nette Art zu wachsen, indem wir miteinander in intensivere Beziehungen kommen.

Wo verbleibt unsere Entdecker-Freude und Gestaltungslust?
Wenn wir im Laufe unseres Erwachsenwerdens ganz viel von unserer anfänglichen Entdecker-Freude und Gestaltungslust verloren haben, dann heißt die Frage „was ist denn eigentlich der Grund?“. Ein Naturgesetz ist es nicht, hirntechnisch angelegt ist es auch nicht.
Nur Menschen können lernen, was lange Zeit als Herausstellungsmerkmal des Menschen gedacht. Stimmt nicht. Menschen und Tiere können was lernen. Lernen ist eine Grundeigenschaft des Lebens. Theory of mind – wir können uns vorstellen, was ein anderer der uns gegenüber sitzt gerade denkt und was der für eine Absicht verfolgt. Dieses ist auch kein Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Affen und Hunde können das z.B. auch.
Das einzige Herausstellungsmerkmal des Menschen ist, die Lernfähigkeit anderer für seine Zwecke auszunutzen. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das ein anderen Lebewesen zum Objekt machen kann – zum Objekt seiner Wünsche, Ziele, Vorstellungen, Erwartungen, Bewertungen, und am Ende seiner Maßnahmen.
So sind wir nicht auf die Welt gekommen. Das ist eine Kulturleistung. Und da es eine Kulturleistung ist, können wir das auch ändern.
Als Kinder haben wir alles in einer Subjekt-Subjekt-Beziehung am lebendigen Gegenüber gelernt. Und wir haben uns als Subjekt erlebt. Damit man sich als Subjekt erlebt, braucht es ein lebendiges Gegenüber, was auf einen reagiert. Man muss als Subjekt erlebbar werden, muss einem jemand das Gefühl geben, dass man so wie man ist total richtig ist. Das ist so tief verankert, das man nur mit einem lebendigen Gegenüber, was ein Subjekt ist, in eine Beziehung kommen und davon was lernen kann.
Dann irgendwann wir das Kind zum Objekt elterlicher Erziehungsmaßnahmen. In dem Moment unterbrechen sie die Verbundenheit. Wenn man merkt, dass man nicht mehr dazu gehört, aktiviert das im Hirn die gleichen Netzwerke, die aktiv werden, man ihnen körperliche Schmerzen zufügt. Das Hirn benutzt zur Signalisierung einer Beziehungsstörung im Sozialen die gleichen Netzwerke, die es auch benutzt um eine Beziehungsstörung im eigenen Körper zu signalisieren. Und deshalb tut das so weh. Und für solche Schmerzen braucht man Lösungen. Wir haben alle Lösungen dafür gefunden und die waren alle fatal.
Eine Lösung ist den anderen zum Objekt zu erklären. Das ist nicht angeboren, das muss man lernen. Und die Kinder, die das besonders gut gelernt haben, die können dann die anderen gut in Sack hauen mit ihren Bewertungen und nach ihren Vorstellung hin und her tanzen lassen. Das sind die Menschen, die das in ihrer Entwicklung perfektioniert haben. Das sind unsere jetzigen Manager in den großen Unternehmen, Politiker und den Medien abgeben. Die haben in einem langen Leidensweg, aber sehr erfolgreich gelernt, wie man andere nach seinen eigenen Vorstellungen hin und her schiebt. Und sein Gegenüber versucht dem möglichst zu entgehen. Mit Lernen und Weiterentwicklung hat das nichts zu tun. So schaffen wir es nicht über die Schwelle zu kommen, was man Co-Kreativität nennt. Das, was man erlebt, wenn man wirklich sich auf einen anderen einlässt und sich als Subjekte begegnet. Dann könnte etwas entstehen, was Co-Kreativität oder Co-Evolution heißt. Und das sind die eigentlichen Triebfedern jeder Entwicklung.
Die andere Lösung ist, dass das Kind sich selbst zum Objekt seiner eigenen Bewertung macht. „Ich bin blöd. Ich bin nicht gut genug. Ich bin nicht liebenswert“. Das führt dazu, dass man sich selber nicht mehr leiden kann. Und so jemand kann erst recht nicht in eine gute Beziehung kommen.

Eine andere Art von Kultur und des Umgangs miteinander
Wir brauchen eine andere Art von Kultur und des Umgangs miteinander. Es ist der Versuch andere Menschen einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren von ihren Vorstellungen herunter zu kommen und einander zu begegnen, sich auszutauschen zu schauen, was man gemeinsam miteinander machen kann. Auch mal zu suchen, anstatt den anderen immer nur zu erklären was sie machen sollen. Zu suchen, was in dem anderen alles verborgen ist. Den anderen einfach als Subjekt wieder entdecken. Wenn das viele machen, dann könnte das zu einer völlig anderen Welt führen. Eine Welt in der Menschen nie mehr ihre Lust und Begeisterung über das eigene Denken und das gemeinsame Gestalten verlieren. Das wäre eine Welt in der tatsächlich das stattfinden könnte, was Potentialentfaltung heißt.
Wenn sie einander als Subjekte begegnen würden, dann verlieren sie ihre Angst, sie gehen auf, sie wissen, dass sie bedeutsam sind, nur alleine dadurch dass sie wissen, dass sie sie sind.
Dann können sie endlich wieder entdecken und müssen es nicht gleich bewerten. Dann können sie die Welt in sich hinein lassen und dann kommen sie auf Ideen.
Das wäre die Voraussetzung für eine Entwicklung, die tatsächlich in die Zukunft führt. Das ist dieser Transformationsprozess, den alle spüren, dass er stattfinden muss. Und wo keiner so richtig weiß, wie er in Gang kommen kann. Die Welt von morgen hängt davon ab, ob es uns gelingt, aus dieser Nummer der Einzelkämpfer heraus zu finden und endlich das zu entdecken, dass mal alleine nicht mehr weiter kommt.
Potentialentfaltungsgemeinschaften können nur entstehen, wenn Leute Lust haben auf die anderen, Freude daran haben das zu teilen und es gemeinsam anzugehen.



One comment

  1. […] Rund 1500 Zuhörer – Jung und Alt – sortierten sich im Audimax zwanglos auf Sitze, Fensterbänke und Gänge. Prof. Hüther sprach gewohnt frisch und herzlich „über die Freude am eigenen Denken und die Lust am gemeinsamen Gestalten“. Seine Ausführungen berühren gleichermaßen Gefühl und Verstand. Mir ist es rätselhaft, wieso nach wie vor unzählige Menschen entgegen ihrer „Natur“ zu leben versuchen. Lassen auch Sie sich inspirieren von seinem Vortrag. Einen Auszug seiner bewegenden Worte und der Link zum Anschauen finden Sie hier. […]

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